Jenseits der „Entweder-oder“-Debatte
Was ein neues Whitepaper über Naturschutz und Wildlife Economy in Afrika zeigt
Mag. Bernd Walzer · September 2026

Vor kurzem bin ich auf ein neu veröffentlichtes Whitepaper mit dem Titel „Tourism and the Wildlife Economy in Africa“ gestoßen, das im Rahmen der World Travel Market Africa 2026 vorgestellt wurde. Verfasst wurde es von Experten von ICRT Global, der African Leadership University und IIED.
Besonders interessant fand ich dabei nicht nur den ungewöhnlich pragmatischen Zugang des Papiers, sondern vor allem, dass als Fallstudie aus Namibia die Mount Etjo Safari Lodge aufgeführt wurde – und das nicht zuletzt deshalb, weil ich mich bereits im Rahmen meiner Diplomarbeit intensiv mit den Zusammenhängen zwischen Jagdtourismus, Naturschutz und regionaler Wertschöpfung beschäftigt habe.
Zusätzlich hatte ich 2022 selbst Gelegenheit, Mount Etjo als Fototourist zu besuchen und vor Ort einen Eindruck davon zu gewinnen, wie eng dort Tourismus, Wildtiermanagement und wirtschaftliche Nachhaltigkeit miteinander verknüpft sind.
Wildlife Economy statt „Foto oder Jagd“
Gerade in einer Zeit, in der Diskussionen über Jagdtourismus oft sehr emotional und ideologisch geführt werden, verfolgt das Whitepaper einen anderen Ansatz. Es stellt nicht die Frage, ob Foto-Tourismus oder Jagdtourismus „besser“ sei, sondern vielmehr: „Wie kann Wildtiermanagement in Afrika langfristig wirtschaftlich tragfähig bleiben?“
Die Fallstudie Mount Etjo liefert dazu ein bemerkenswertes Beispiel, da das private Wildreservat Okonjati in Namibia mehrere Bereiche der sogenannten „Wildlife Economy“ kombiniert:
- Foto-Tourismus
- Jagdtourismus
- Wildfleischproduktion
- Verkauf lebender Wildtiere
Laut Whitepaper stammen rund 70 % des Umsatzes aus dem Foto-Tourismus, etwa 30 % aus dem Jagdtourismus.
Die wirklich interessante Zahl liegt jedoch an anderer Stelle: Während für den fotografischen Tourismus rund 12.300 Gäste notwendig sind, um diesen Umsatz zu erzielen, wird der Anteil des Jagdtourismus mit lediglich 73 Jagdgästen erreicht.
Das Whitepaper argumentiert daraus, dass unterschiedliche Tourismusformen auch völlig unterschiedliche wirtschaftliche und ökologische Strukturen erzeugen:
- Weniger Besucher,
- Geringerer operativer Aufwand
- Daraus resultierend möglicherweise ein geringerer ökologischer Fußabdruck pro erwirtschaftete Einheit.
Diversifikation als Grundlage für nachhaltigen Naturschutz
Noch wichtiger erscheint jedoch der grundsätzliche Gedanke dahinter: Erfolgreiche Naturschutzmodelle in Afrika beruhen selten nur auf einer einzigen Einnahmequelle.
Spätestens während der Covid-19-Pandemie zeigte sich, wie verwundbar rein tourismusbasierte Schutzgebietsmodelle sein können, wenn internationale Reisen plötzlich ausfallen. Diversifikation wurde damit nicht nur zu einer wirtschaftlichen Strategie, sondern zu einer Frage des Überlebens vieler Wildgebiete.
Das Modell von Mount Etjo spiegelt daher etwas wider, das für Namibia seit Jahrzehnten typisch ist. Wildtiere müssen für Grundeigentümer, Conservancies und lokale Gemeinschaften einen realen wirtschaftlichen Wert darstellen, wenn sie langfristig gegenüber Viehzucht, Zäunung oder anderer Landnutzung bestehen sollen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Modell überall funktioniert und beendet selbstverständlich auch nicht die ethischen Diskussionen rund um Jagdtourismus.
Das Whitepaper leistet jedoch einen wichtigen Beitrag, da es die Debatte weg von einfachen „Foto gegen Jagd“-Positionen hin zu einer breiteren Betrachtung resilienter Wildlife-Economies verschiebt.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Erkenntnisse nicht nur für das südliche Afrika. Naturschutz funktioniert langfristig nicht allein durch Ideologie, sondern nur dort, wo Ökologie und Ökonomie miteinander verbunden bleiben.
Quellen & weiterführende Literatur
Roe, D., Snyman, S. & Goodwin, H. (2026):
Tourism and the Wildlife Economy in Africa.
International Centre for Responsible Tourism (ICRT Global) White Paper. Published for World Travel Market Africa, April 2026.
Snyman, S., Sumba, D., Vorhies, F., Gitari, E., Ender, C., Ahenkan, A., Koumba Pambo, A. F. & Natacha, O. A. (2021):
State of the Wildlife Economy in Africa.
School of Wildlife Conservation, African Leadership University (ALU), Kigali, Rwanda.
Walzer, B. (2006):
Ökonomische und ökologische Auswirkungen des Jagdtourismus im südlichen Afrika am Beispiel von Südafrika und Namibia.
Diplomarbeit, Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien), Wien.